jussi (Galerie Brutal)

Wer bist du und was wirst du uns auf dem lunatic Festival 2018 zeigen?

Ich bin jussi. Aber das ist egal. Ich will meine Kunst präsentieren, nicht mich selber. Mein Werk soll für sich sprechen und mich Repräsentieren, nicht andersherum. Ich komme zum lunatic mit einem großen Formenvokabular, einem austarierten Farbkonzept und allen notwendigen Werkzeugen und Materialien im Gepäck. Diese Vorbereitung passiert natürlich schon in der Werkstatt und am Schreibtisch zu Hause. Dies geschieht so gründlich und flächendeckend, dass ich vor Ort in der Lage bin, mein Konzept anzupassen und zu verändern, wenn nötig. Gemäß meiner Arbeitsweise bringe ich also genug Sprühdosen, viele Rollen Klebeband, Cuttermesser, normale Wandfarbe, Pinsel, Holzlatten aller Couleur, Werkzeuge wie Akkuschrauber, Säge etc. mit. Zuerst würde ich dann, gemäß meinem Farbkonzept, die zu bespielende Fläche mit normaler Wandfarbe verstreichen. Dies ist einerseits dazu da, um eine gleichbleibende Arbeitsqualität zu haben und anderseits, ist es schon die erste künstlerische Einflussnahme und wichtiger ersten Baustein des Werkes. Danach würde ich nach meinem persönlichen Form- und Farbempfinden mit der Setzung anfangen. Im Detail sieht das so aus, dass ich mit dem Klebendband eine geometrische Figur auf der Wand abklebe, sie, meinem Empfinden nach, mit der richtigen Farbe ausfülle und danach das Klebeband wieder abziehen um eine perfekte Figur mit geraden, glatten Kanten zu haben. Dieser Vorrang wiederholt sich in großer Variation, bis das gesamt Konstrukt entstanden ist. Dabei ist, wie oben erwähnt, auch die vorgefundene Fläche wichtiger Entscheider, wenn es um Form und Beschaffenheit meiner Konstrukte geht. Wenn dieser Teil beendet ist, würde ich anfangen, die raumgreifenden Holzinstallation dazu zu konzipieren. Je nach Beschaffenheit heißt das, stark vereinfacht gesagt, ausmessen, ausschneiden, dazu kombinieren, fest machen, lackieren. Dabei sind große Variation wie z.B. Hängungen, und Legungen mit inbegriffen. Des Weiteren, wenn das Festival es zu lässt, könne auch Element die vor Ort gefunden worden sind, in die Installation mit einfließen. Mit dem Holz sollen die Linien, die auf der Wand gesprüht sind, in die tatsächliche dreidimensionale Welt geführt werden, quasi als Verlängerung und Erweiterung des Werkes. Am Ende soll also, ein halb begehbares, haptisch erfahrbares Kunstwerk, was in wechselseitiger Beeinflussung der äußeren Umstände und meinem persönlichen ästhetischen empfinden nach, entstanden sein. Alles soll in Verbindung stehen, alles soll miteinander reagieren.

Wie würdest du deine eigene Kunst beschreiben und was willst du mit ihr bewirken?

Graffiti war für mich der Anfang. Meine Buchstaben waren immer kantig. Irgendwann, als mir die Buchstaben keine Freiheit mehr boten, sondern mich einengten, dekonstruierte ich sie, auf das, was sie waren, viele kleine geometrische Figuren. Dieses Formen im Raum zu platzieren, meinem persönlichen Rhythmus folgend, bis ein Konstrukt wächst, in dem alles in Verbindung steht und reagiert, war nun das Ziel. Weiter noch, einen Weg zu finden, in diesen einfachen, gut reproduzierbaren Elementen meine persönliche Handschrift und mein ästhetisches Empfinden zu repräsentieren. Natürlich gibt es verschiedene Ebenen auf denen mein Kunstwerk besprochen und dekodiert werden kann, doch gegen eine schlichte einfache Aussage erwehre ich mich. Mir geht es darum, vereinfacht dargestellt und ohne auf die gesamte Komplexität einzugehen, dass meine Wandarbeiten aus geometrischen Figuren ineinander krachen, sich gegenseitig steigern und bedingen. Sie entführen einen in eine dreidimensionale Welt, wo Denkprozesse über Verfall, Zersplitterung und neuer Zusammensetzung angestoßen werden können. Es geht in Verbindung mit dem urbanen Raum um Verfall, Erneuerung, Zersplitterung und wiederumes Zusammenfügen der Formen, um meine eigenen Denk und Gefühlsprozesse sichtbar zu machen. Das, was ich erschaffe, soll keine Abbildung der Welt sein, was irgendetwas imitiert, sondern soll als Erweiterung der vorhandenen Welt verstanden werden können. Wenn ich eine Definition meiner Kunst in klassischen Kategorien abgeben sollte, würde ich persönlich meine Kunst als Pop-Konstruktivismus bezeichnen. Konstruktivismus bedeutet so viel wie zusammenfügen, errichten, bauen, in Verbindung bringen. Es geht darum ein neues, aber einfaches geometrisches Formenvokabular zu finden, welches keinerlei naturalistische Vorbilder hat und sich so von der Vergangenheit abgrenzt. Es soll die autonome Wirkung von Farbe und Form reflektiert werden. Die Bildgestalt vollkommen gelöst von der Gegenstandwelt, die allein ihren eignen Gesetzen gehorcht. Ich sage aber ganz bewusst Pop-Konstruktivismus, weil ich das Pop in meiner Stilkreation, bewusst als Abgrenzung bzw. persönliche Weiterentwicklung des Konstruktivismus für mich sehe. Das Pop bezieht sich in diesem Zusammenhang auf einerseits, die krasse, synthetische Farbigkeit, die ein Merkmal dieses Stilrichtung ist. Anderseits bezieht es sich auf die stark vereinfachten, fast trivialen Bildmotive, die fast jeder kennt (also populär sind), die eines der Hauptcharakteristika der Pop-Art sind. Diese Grundgedanken greife ich durch einfache, reproduzierbare geometrische Grundformen und knallige, ungedämpfte Farben immer wieder auf und erweitere dadurch für mich, den Konstruktivismus zum Pop-Konstruktivismus.

Warum ist ein Festival ein guter Rahmen für deine Kunst und dich?

Ich denke, dass es sich lohnt, einen Blick auf den besonderen Ausstellungsraum eines Festivals zu werfen. Aufgrund meiner künstlerischen Heimat im urbanen Bereich, waren Ausstellungsorte, auch immer gleichzeitig Produktionsorte. Der Ort, soll in meiner Kunst verarbeitet werden und dann neu gedacht werden können. Denkprozesse über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sollen angestoßen werden. Die Kunst soll mit allen Einflüssen der Umgebung arbeiten und spielen. Sie soll die Geste einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort sein. Nichts Archiviertes, was für immer lebt und irgendwann, an einem anderen Ort ausgestellt wird. Diese zeitliche Regulierung und der nicht dauerhafte Zugang zu meiner Kunst, war immer ein wichtiger Faktor meiner künstlerischen Vision und lässt sich auf einem Festival perfekt weiterdenken. Denn nach einer gewissen intensiven Zeit, wird das Werk in seiner realen Beschaffenheit verschwunden sein, zurück bleibt eine weitere Geschichte als Teil dieses Ortes. Doch das Werk wird irgendwann in diesem Festivalkontext wieder besprochen werden. Es bleibt ein Teil dieses Festivals. Ein Festival als reproduzierender Raum.

Doch allgemein muss ich an der gängigen Ausstellungspraxis von bildenden Künsten auf Festivals Kritik üben. Mir kommt es häufig vor, dass die Kunst eher als Beiwerk, Dekoration und Kulisse auf einem Festival herhalten muss, sie soll eine angenehme Atmosphäre schaffen, wo dann die Musik und Location besser drin wirken kann. In meinem Verständnis, soll doch aber die bildende Kunst viel mehr leisten, als bloß Unterstützer sein. Eigentlich soll sie doch, in einer kurzzeitigen Sozialutopie eines Festivals, relevanten Fragen aufwerfen und Diskurs fördernd sein. Dazu muss sie   aber gleichberechtigt präsentiert werden und von den künstlerischen Konzeptionen im Vorfeld so ausgesucht worden sein, dass sie auch Diskurse anstoßen kann und nicht von allen Besucher*innen nur als angenehm wahrgenommen werden kann.

Dennoch habe ich beim lunatic Festival das Gefühl, das sich hier viele Gedanken zur angemessenen Präsentation von allen Kunstformen gemacht werden und das meine Meinung als Kulturschaffender gehört wird.